Künstler wird 95 – Meine Erinnerungen an ihn
Auf meinem journalistischen Berufsweg habe ich viele bedeutende Künstler getroffen – und mit manchem für das Projekt „MENSCHEN in EUROPA“ der Mediengruppe Bayern (damals Verlagsgruppe Passau) als Leiterin der Kunstschiene zusammenarbeiten dürfen. Verlegerin Angelika Diekmann hat das Projekt vor 30 Jahren gegründet.
2002 im Medienzentrum Passau

Einer der Künstler, der mich am meisten beeindruckt hat, war Günther Uecker. Im Herbst 2002 zeigten wir im Medienzentrum und im Museum Moderner Kunst die Ausstellung „Dialog“ Schon der Besuch in seinem Atelier war ein Ereignis. Ein riesiges Atelier inmitten von einem alten Industrieviertel. Wir konnten die Werke aussuchen, dazwischen wurde geplaudert. Er erzählte von seiner Kindheit in Ostdeutschland, von seiner Ausbildung als Anstreicher und Schreiner in der DDR. Von seinem Studium der Malerei, zuerst in Wismar, dann an der Kunstakademie in Berlin-Weißensee.
In meinen damaligen Tagebuchnotizen finde ich das Zitat: „Das Malerische und das Haptische hat mir schon immer gelegen“.
Aber er plauderte auch über seine Freundschaft zu Günter Grass und den Künstlerkollegen Heinz Mack und Otto Piene, zu dessen Gruppe ZERO er stieß. Auch mit Gerhard Richter hat er zusammengearbeitet und bundesweit Schlagzeilen mit seiner Installation „Museen können bewohnbare Orte sein“.
1953 verließ Uecker die DDR und studierte ab 1955 bei seinem großen Vorbild Otto Pankok in Düsseldorf, wo er spätere Kunstprofessor wurde.
1970 Vertreter auf der Biennale von Venedig
Der internationalen Kunstwelt wurde er 1970 bekannt als deutscher Vertreter auf der Biennale von Venedig; mehrfach zeigte er seine Arbeiten auf der documenta in Kassel.
Seine Kunst definierte er bei unserem Treffen so: „Auf der einen Seite ist mein Handeln autobiografisch geprägt; ich betreibe in der Arbeit also Selbsttherapie, zum anderen suche ich aber auch nach Zeichen, die Liebesbegehren signalisieren, damit ich mit dem anderen einen Dialog herstellen kann. Durch meine künstlerische Arbeit möchte ich mit anderen in Berührung kommen.“
Asche und Nagel als Arbeitsmittel
Sein künstlerisches Signet ist der Nagel geworden – doch machte er so vieles mehr Malerei, Installationen, Glasbilder und Aschebilder. Asche wird nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl ein Arbeitsmittel. „Körpergroße Aschebilder sind Zeichen der Trauer und Ohnmacht gegenüber einer von Menschen gemachten Katastrophe“, sagte er.
„Der Nagel war anfangs ein impertinentes Instrument, ein eiserner Pinsel. Dann begriff ich, dass dieses Werkzeug besser war als das, was ich damit machen konnte.“
Wir haben für das Medienzentrum ein sehr typisches Uecker-Werk ausgesucht: „Zeitungsblock, vernagelt“ von 1983. Zu sehen waren im Atrium u. a. auch wandhohe „Sieben Tücher“. Textfragmente von Jürgen Habermas“ von 1989.

Museum Moderner Kunst
Im Museum Moderner Kunst war u. das Werk „Dialog“ von 2001 ausgestellt und zwölf Aschebilder sowie Aquarelle von seinen Reisen nach Patagonien, Mexiko und Australien sowie seine „Sonnennachbilder“ (2001), die Physiologische Reaktionen des Auges zeigten. Auch Chinatuschebilder unter dem Titel „Halong“, 1999 zeigten, welch vielseitiger Künstler er war.
Die Besprechungen vor Ort zeigten einen temperamentvollen Künstler, berserkerhaft groß und stark wirkend und doch sensibel und feinfühlig.
Ein gutes Essen schätzte er damals ebenso wie einen guten Rotwein, bei dem er lebhaft von seiner Schwester Rotraut erzählte, die den Künstler Yves Klein geheiratet hatte. Den beiden war er sehr verbunden.
Bis zuletzt war es spannend, ob Günther Uecker tatsächlich zur Vernissage anreisen würde. Er war vorher in Patagonien – und deshalb war nichts gewiss. Dann stand er aber plötzlich im Atrium und genoss den Beifall des Publikums.
„Die Kunst kann den Menschen nicht retten. Aber die Mittel der Kunst ermöglichen einen Dialog.“
Als wir uns 2015 anlässlich einer Retrospektive zum 85. Geburtstag im Gropius-Bau in Berlin treffen – da kann er sich noch an die Passauer Ausstellung, die Publikation, die ich gemacht habe, und an mich und mein gepunktetes Kleid erinnern . . .
Herzlichen Glückwunsch zum 95. Geburtstag, lieber Günther Uecker!