„Orpheus und Eurydike“ am Landestheater Niederbayern
Einen antiken Mythos neu interpretiert, eine alte musikalische Form extrem aufgefrischt: Nicht weniger vollbrachte der oberpfälzer Komponist Christoph Willibald Gluck (1714—1787), der im gesamten Kosmos der damaligen Musikwelt unterwegs war und seine größten Erfolge am Hof in Wien feierte. Opernreformer wird er zu Recht genannt, hat er doch die bombastische italienische Oper entschlackt.
Abschied von der Nummernoper
Dies war erlebbar in der Aufführung von „Orpheus und Eurydike“ am Landestheater Niederbayern, die am Samstagabend in Passau ihre bejubelte Premiere hatte. Anders als in der Liebeslyrik von Ovid verliert Orpheus seine geliebte Ehefrau nicht: die Hölle und Amor haben Erbarmen und geben ihm Eurydike zurück, obwohl er bei der Prüfung versagt, sich beim Weg aus der Unterwelt nicht nach ihr umzudrehen. Das Revolutionäre aber ist vor allem die Musik: Gluck sagte der Nummernoper und Verzierungen Ade. Mit „Orfeo und Eurydice“ schuf er ein durchkomponiertes Musikdrama, in dem die menschlichen Empfindungen und die menschliche Stimme im Vordergrund stehen. Gewählt wurde die Wiener Fassung von 1762 in italienischer Originalsprache mit Übertitelung.
Regie: Urs Häberli
Urs Häberli war als Gastregisseur engagiert, nachdem der erkrankte Johannes Reitmeier abgesagt hatte. Er stellte die Produktion in einen zeitlosen Raum, der fast ohne Requisiten auskam. Das Bühnenbild (Ausstattung: Ursula Beutler) bestand aus Draperien von Tüchern, Videoeinspielungen und Lichtregie. Besonders spektakulär: die Gewitter- und die Höllenszene. Als Symbol und Requisit tauchte immer wieder die Lyra auf. Wer genau hinsah, konnte in den Draperien auch eine erotische Komponente bemerken. Die Kostüme waren eine Mischung aus verschiedenen Epochen – vom weißen Dandy-Anzug über verspielte Sommerkleider bis zur Arbeitshose mit Taschen. Häberli konzentrierte sich ganz auf die Personenregie – und es gelang ihm sogar, mit nur drei Solisten und vier Tänzern die Bühne raumgreifend bespielen.
Choreografie: Rae Piper

Das Tanzensemble – Thomas Cico, Alicia Navas Otero, Ginjo Sakai und Kristina Zaidner – wurde von Choreografin Rae Piper einstudiert. Extra für diese Produktion gab es zwei Castings, für die sich rund 100 internationale Tänzer beworben hatten. Das Ensemble musste am Ende vereinzelte Buhs kassieren, was unverständlich war. Denn die Choreografin hatte eine interessante Mischung aus antiken Reigen, Contemporary, Hebe- und Sprungfiguren entworfen. Das war ganz auf die Musik abgestimmt und spannend. Die Männer überraschten mit perfekt synchronen und hohen Sprüngen.
Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Welch einheitliche musikalische Linie der Komponist schuf, das machten der Chefdirigent der Niederbayerischen Philharmonie, Orchester, Solisten und Chor an diesem Abend aufs Wunderbarste erlebbar. Ektoras Tartanis filterte die Vielfarbigkeit der Gluckschen Musik konzentriert heraus. Dramatik und melodische Schönheit bildeten einen wirkungsvollen Kontrast. Bemerkenswert: der perfekte Wechsel der Blasinstrumente und die feine lyrische Qualität der Harfe. Insgesamt entstand eine gemeinsame musikalische Energie auf sehr hohem Niveau. Eine beglückende Interpretation!
Debüt als Orpheus: Krešimir Dujmić
Die Rolle des Orpheus komponierte Gluck für mehrere Stimmlagen. Am Landestheater entschied man sich unter 30 Bewerbungen für den Bariton Krešimir Dujmić. Der junge kroatische Sänger gab sein Debüt in dieser Partie. Zu Recht war er bejubelt. Die Wahl war auch deshalb goldrichtig, weil er über eine Tessitur verfügt, die eben auch die dunkleren Töne umfasst; zudem verfügt er über eine bewegliche Stimme und ein schönes Legato. Nicht nur beim Gesang zeigt er Gestaltungswillen, sondern auch beim Spiel. Trauer, Verzweiflung, Schmerz, Resignation – die Gefühlsskala des Orpheus bringt er mühelos über die Rampe.
In Sopranistin Emily Fultz, die zum Ensemble des Landestheaters gehört, fand er eine kongeniale Partnerin. Das Charisma ihrer Darstellung bezauberte ebenso wie das ihres Timbres.
Eine große Leistung vollbrachte der 13-jährige David Huber, der von Emily Fultz unterrichtet wird, als Amor. Der Knabensopran aus Passau, der auch an der Domsingschule und schon mehrfach öffentlich aufgetreten ist, hatte sich für das Musical „The Sound of Music“ – und wurde da als Amor engagiert. In der Rolle alterniert er mit Mária Krol.
Letzte Produktion von R.-Florian Daniel

Die musikalische Sprache dieser Oper wird wesentlich auch von dem gemischten Chor getragen: leise klagend als Trauerchor oder furios temperamentvoll in der Unterwelt. R.-Florian Daniel hatte den Chor sehr gut einstudiert, der hier ja dramaturgisch gesehen eine ähnliche Rolle spielt wie in der Antike, indem er die Handlung mal kommentiert, mal vorantreibt. Schade, dass Daniel nach nur einem Jahr das Landestheater Niederbayern verlässt. Glucks „Orfeo“ ist seine letzte Produktion. Im April wechselt er an das Theater in Heidelberg als Chordirektor mit Dirigierverpflichtung.
Nach dieser beeindruckenden Premiere fragten sich zahlreiche Theaterbesucher einmal mehr, warum Chefdirigent Ector Tartanis, der auch mit seinen Konzertprogrammen und dem Projekt „Die Geschichte vom Soldaten“ Besucher fasziniert hatte, ja zum Publikumsliebling geworden ist, nicht der künftige Generalmusikdirektor wird. Hoffentlich bleibt er als Dirigent der Niederbayerischen Philharmonie – und dem Publikum – erhalten . . .
Vorstellungen in Passau
23., Februar, 28., 29. März, 11., 12., April, 30. Mai, 6., 14., 15. Juni
Theaterkasse: Tel.: 0851 / 929 19 13
Vorstellungen in Landshut
2., 7., 21. März, 19., 21. April, 4. Mai
Tel. 0871/922 08 33
Vorstellungen in Straubing
29. April
09421 / 944 69 199